Textatelier
BLOG vom: 15.04.2007

Vorsicht, wenn sich unbekannte Person von links nähert

Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich
 
Wir standen vor einem Gasthaus an der Hauptstrasse und studierten den Menu-Aushang. Sobald wir weitergingen, schloss sich uns eine Frau an. Sie stellte sich an meine linke Seite. Unanständig nahe. Sie redete in gutem Deutsch und erzählte, sie stamme aus Bosnien, befände sich in grosser materieller Not. Morgen sei die Miete fällig. Sie wisse nicht, wie sie diese bezahle.
 
Ich befand mich nicht in Zürich, konnte ihr keine Adresse angeben, wo sich Notleidende melden können. Dennoch gab ich ihr Hinweise. Aber sie wischte alle weg. Diese Stellen kenne sie schon. Sie jammerte in immer schnellerem Reden und bettelte um Geld. Sie fuchtelte herum und wollte mir vorschreiben, ihr ein Almosen zu geben. Um Gottes Willen solle ich es tun. Da wir uns in Einsiedeln befanden, wo sich das berühmte Benediktiner-Kloster befindet, wählte sie geschickt ein religiöses Motiv und meinte, mich erweichen zu können. Sie selbst war in feine Materialien gekleidet, gab nicht den Eindruck von Armut. Als sie immer dreister wurde und sogar einen festen Betrag nannte, den ich ihr übergeben solle, sagte ich sehr bestimmt: „So geht das nicht!“ und schritt zügig aus. Die Bettlerin war konsterniert und rief mir nach: „Was machen Sie da!“ Offensichtlich wurde ich vordem als naiv eingestuft. Nun war sie erstaunt, dass ich mich ihr entziehen konnte. Sie rief mir nochmals etwas nach, doch verstand ich glücklicherweise nicht, ob sie mich auch noch verwünscht hatte.
 
Primo war ein Stück weiter gegangen und beobachtete uns mit Abstand. Er hätte es sicher bemerkt, wenn sie sich an meiner Tasche vergriffen hätte. Er sagte nachher nur, ich hätte mich zu lange ins Gespräch eingelassen. Am Abend dann, vor dem Einschlafen, meldete sich dieses Erlebnis nochmals und beunruhigte mich. Erst als ich mir überlegt hatte, dass ich im Laufe des Nachmittags wiederholt Geld ausgeben konnte und auch das Bahnbillett für die Heimreise vorhanden war, wusste ich, dass ich mein Portemonnaie noch besitze.
 
Einige Tage danach, als ich in einem Zürcher Einkaufszentrum ein Geschäft verliess, wurde ich wieder von links her angegangen. Wieder tauchte eine Person unvermittelt auf und stand ganz nahe neben mich. Sie fragte, ob ich ihr ein paar Fragen beantworten würde. Worum es gehe? Sie müsse lernen, ein Interview zu führen. Also gut. Sie hielt einen Schreibblock in Händen. Dort hatte sie Fragen notiert. Sie las etliche ab. An vier kann ich mich noch erinnern.
 
1. „Was ist Ihnen an mir aufgefallen?“
2. „Wann haben Sie die Haare letztes Mal geschnitten?“
3. „Müssen die Menschen heute mehr arbeiten als früher?“
4. „Bedeutet den jungen Menschen von heute die Treue noch etwas?“
 
Die Frau notierte sich keine meiner Antworten. Etwas entfernt von uns stand eine weitere, etwas ältere Person und überwachte uns. Zum Schutz der Fragenden? Ich vermute es.
 
In der Rückschau denke ich, das ähnliche Muster der Annäherung hätte wieder auf eine Bettlerin schliessen lassen. Doch erfuhr ich am Ende der Befragung, in welche Sekte diese Frau eingebunden sei. Da bedauerte ich sie und sprach es auch aus. Doch sie strahlte, denn Zeugnis ablegen können für die Zugehörigkeit zu einer Ideologie, die zwar von vielen Mitmenschen abgelehnt wird, das war für sie offensichtlich ein Erfolgserlebnis.
 
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